Was für ein Wochenende! Selbstverständlich zeigte sich Berlin meinem Schweizer Besuch einmal mehr von seiner sonnigsten und charmanten Seite, so dass wir gemütlich und ohne zu frieren (meist) durch den grossen Markt schlendern konnten, Gesicht an der Sonne und Cappuccino in der Hand, der Duft von Pain au Chocolat in der Nase, es mutete fast ein wenig an wie Paris im Frühling. Danke Berlin, du hast wirklich die schönste Seite herausgekehrt für meinen Aufenthalt hier.
An dieser Stelle und nach all den Cafébesuchen möchte ich gerne mal noch einen weit verbreiteten Irrtum aus dem Weg räumen: Es stimmt nicht (mehr), dass es in Deutschland keinen guten Kaffee gibt. Diese Steigerung des Kaffeegenusses hat ausnahmsweise nichts mit einem gewissen Herr Clooney zu tun, sondern mit der Tatsache, dass in vielen Restaurants heute echte italienische Espresso-Maschinen im Einsatz sind, die richtig guten Kaffee machen. Auch der dazugehörige Milchschaum mit der richtigen Konsistenz fehlt natürlich nicht.
Was mir
jedoch ebenso stark aufgefallen ist in den letzten vier Wochen ist das
offensichtlich fehlende „Auf-dem-Gehsteig-ausweichen“-Gen. Ich dachte schon,
ich sei einfach zu sensibilisiert, aber all meine Besucher machten früher oder
später auf einer unserer Stadtwanderungen eine entsprechende Bemerkung. Immer
waren es wir, die auf dem Trottoir ausgewichen sind, um in letzter Sekunde eine
Frontalkollision zu verhindern.
Unser Motto lautete: NICHT ausweichen, auch nicht in letzter Sekunde. Natürlich war uns bewusst, dass dieses Unterfangen nicht ganz ungefährlich ist. Wir zwei physisch leichtgewichtigen Frauen im Nahkampf mit den gewichtsmässig doch meist eher überlegenen deutschen Männern (und Frauen, die weichen nämlich auch nicht aus).
Bei den ersten
paar menschlichen Hürden haben wir jämmerlich versagt und sind stets noch im
letzten Moment zur Seite gehüpft. Irgendwann hat uns aber der Ehrgeiz gepackt
und wir hielten unseren Kurs stur bei, Blick nach unten, Muskulatur angespannt,
gestählt für den Zusammenprall. Doch nichts geschah! Oft waren nur noch
Millimeter zwischen uns und dem Gegenüber, das dann plötzlich doch noch den
Ellenbogen einzog oder die Handtasche etwas näher zu sich nahm. Natürlich gab
es Streifkollisionen, die den einen oder anderen Ausgleichsschritt verlangten,
um nicht die Balance zu verlieren, aber alles in allem kamen wir zum Schluss,
dass das Ausweich-Gen tatsächlich vorhanden ist, jedoch einfach nicht prioritär
eingesetzt wird (vermutlich liegt es tief im Unterbewusstsein begraben und es
dauert einfach eine gewisse Zeit, bis es einsatzbereit ist). Wir auf jeden Fall
haben nach dem Experiment weder Beulen am Kopf oder blaue Flecken noch fehlen
uns ein paar Zähne.
Was uns ebenfalls
aufgefallen ist, dass Touristen sehr viel öfter und schon sehr viel
früher zur Seite gehen. Häufig haben wir erst zu spät bemerkt, dass uns ein
Tourist entgegen kommt. Die denken nun wohl alle, dass wir diejenigen mit dem
fehlenden Ausweich-Gen sind. An dieser Stelle entschuldigen wir uns ganz
herzlich bei all jenen Touristen, die uns am Wochenende in Berlin ausweichen
mussten und sich allenfalls geärgert haben. Keine Angst, wir sind üblicherweise
wohlerzogen und weichen immer als erste aus, egal in welchem Land oder wer uns
entgegen kommt.
Jetzt ist
fertig mit Berlin-Experimenten meinerseits, ich mache noch ein paar wenige
Streifzüge durch die Stadt, bevor mich die Deutsche Bahn am Donnerstag wieder
in die Schweiz fährt. Sehr gerne käme ich wieder in die Stadt mit den grossen
freien Fläche, die mich atmen lassen, mit viel Transparenz, mit vielen sehr
charaktervollen Quartieren und Menschen, mit vielen kleinen Cafés, und nicht zu
vergessen, mit viel Kultur (und sei es nur die Curry-Wurst).


